"Es liegt ein Grauschleier über der Stadt
Den meine Mutter noch nicht weggewaschen
Weggewaschen, weggewaschen, weggewaschen hat"


Fehlfarben, Grauschleier, Monarchie und Alltag, 1980



NICHTS FÜR UNGUT 

DANIEL H. WILD



Nach Angaben des Statistischen Bundesamts

  •  hat sich in der alten Bundesrepublik die Zahl der Gebäude mit Wohnraum und bewohnten Unterkünfte allein zwischen 1950 und 1993 fast verdoppelt.
  • wurden im Zeitraum zwischen 1961 und 1970 eine Rekordzahl von insgesamt 5,6 Millionen Wohnungen fertiggestellt, von denen knapp 40 Prozent auf den sozialen Wohnungsbau entfielen.
  •  betrug die durchschnittliche Größe einer Neubauwohnung etwa 60 m2 im Jahr 1956, 71 m2 im Jahr 1960, lag aber bereits 1970 bei 84 m2 und erreichte 1998 dann 90,1 m2.
  • liegt die durchschnittliche Wohnungsgröße in Deutschland heute mittlerweile bei rund 92 m2.
  • ist der Wert von Preisen für Häuser und Eigentumswohnungen zwischen 2010 und 2020 um 65 Prozent gestiegen.


Laut einer kürzlich veröffentlichen Wirtschaftsstudie der letzten zehn Baujahre ist der Durchschnittswert für Quadratmeterpreise bei Eigentumswohnungen zwischen 60 und 80 m2 in Berlin von 3.798 Euro (2016) auf 6.856 Euro (2021) pro Quadratmeter gestiegen.

"Bauen ist der graue Elefant in der Klimawende" - Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD), im Dezember 2021

Das Pallasseum, eine Betonwohnanlage im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, ehemals errichtet als Wohnen am Kleistpark, wurde zwischen 1974 und 1977 von der Klingbeil-Gruppe, des seinerzeit größten Bau- und Wohnungsunternehmen Berlins, auf dem Areal des abgerissenen Berliner Sportpalasts gebaut. Der heutige Name Pallasseum wurde 2001 von über hundert eingereichten Vorschlägen ausgewählt. Die Namensgeberin war eine damals 10-jährige Bewohnerin. 1973 waren für die dringend benötigte Sanierung des im November 1910 eröffneten Sportpalastes keine Gelder vorhanden gewesen, woraufhin der Immobilienunternehmer und Bildhauer Karsten Klingbeil angeblich aus steuerlichen Gründen Bauherr von den damals 800 geplanten und heute 514 Wohnungen wurde. Die Kaufsumme betrug 8 Millionen Mark. 1973 kam eine Sprengung des Sportpalastes aufgrund der umliegenden Häusern und Wohndichte nicht mehr infrage, sodass Trümmerbirnen (auch Abrissbomben genannt) die Zerstörung durchführen mussten. Einstürzende Altbauten allenthalben damals. 

Das war also 1973, in jener Zeit, in der die DDR das Wohnungsbauprogramm, mit dem die "Wohnungsfrage" bis 1990 gelöst werden sollte, einführte, und in der die Miete in Ost-Berliner Plattenbauten (WBS 70 /das modulare "Wohnungsbausystem") 1,25 Mark pro Quadratmeter betrug: "Jedem eine eigene Wohnung". War in West-Berlin 1962 die Grundsteinlegung für die Gropius-Siedlung noch groß gefeiert worden (für ein "modernes, gesundes Wohnen" in der BBR-Zone, d.h. Britz-Buckow-Rudow), in deren Weiträumigkeit nunmehr nur 300 Menschen je Hektarfläche und nicht mehr 1600 Menschen, wie in Altwohngebieten, leben konnten, wurde genau diese Großwohnsiedlung, mittlerweile Gropiusstadt genannt, gerade einmal fünfzehn Jahre später schon als der Inbegriff der Trostlosigkeit, Verwahrlosung, und sozialen Kälte angesehen. In diesem Viertel lungerten um die 5.000 Jugendliche, deren Kellereinrichtung Haus der Mitte wegen Rauschgifthandels geschlossen werden musste, und man daher besser ins Sound pilgerte. Auf den wenigen Spielplätzen sähe man manchmal betrunkene Kinder torkeln, hieß es. Und: "Wenn man zwischen den Hochhäusern war, stank es überall nach Pisse und Kacke. Das kam von den vielen Hunden und den vielen Kindern. Am meisten stank es im Treppenhaus." So resümierte es jedenfalls Christiane, eine dann berühmt gewordene jedoch etwas schlecht beleumundete jugendliche Bewohnerin ohne vollständigen Nachnamen.     

Mit der Fuggerei in Augsburg begann die Idee und entwickelte sich dann über Werkssiedlungen wie der Siemensstadt hin zu den riesigen Megasiedlungen wie die US-amerikanischen Pruitt-Igoe Häuser in St. Louis, LeFrak City in Queens, Co-op City in der Bronx, Cabrini-Green in Chicago, the Sentinels in Birmingham, die Red Road Flats in Glasgow, der Barbican Complex in London, das Bijlmermeer in Amsterdam-Zuidoost (eine "Langeweile heldenhafter Größenordnung", so begeisterte sich Rem Koolhaas), die Vele di Scampia in Neapel oder der Corviale Roms, die ZUP (zones à urbaniser en priorité) in Frankreich, die Wohnsiedlungen in Jugoslawien, Halle-Neustadt (Hanoi), und so weiter, eine nicht enden wollende Liste so vieler Gebäudekomplexe des sozialen Wohnungsbaus, die irgendwann einmal katalogisiert werden könnten und sollten—es waren nämlich die Träume von Goldfinger, Le Corbusier, Aalto, Gropius und vielen anderen Architekten der Gruppe CIAM über die Entstehung moderner Satelliten- oder Trabantenstädten gewesen, aber sie haben eine lange und bittere Geschichte erlebt. Kolossal halt, was den Menschen Halt geben soll.

Nun war diese Vorstellung daher bei der Fertigstellung des "Sozialpalastes" an der Pallasstraße 1977 schon ziemlich umstritten und doch hatte Architekt Jürgen Sawade der Stadt Berlin ob ihrer eingekesselter Inselhaftigkeit große Möglichkeiten als "Labor" bescheinigt und wollte deswegen mit seinem Bauvorhaben etwas "Modernes, Großstädtisches", also im Gegensatz zur kleinbürgerlichen Welt im muckeligen Eigenheim der Bausparverträge, erschaffen. Wir erinnern uns. Am 31. Dezember oder am 30. Juni, na ja, also eigentlich zu jedem Quartalsende, war Wüstenrot-Tag für die staatlichen Förderprämien: Achtung, Ferdi, los! Auf zum Endspurt, Kurt! Gib Gas, Gustav! Schnell, schnell, Isabell! Trotzdem wurde mit der ihr ebenfalls eigenen Druck-Dynamik das Sawade-Gebäude allerdings schnell zu einem sogenannten "sozialen Brennpunkt" verslumt, aber das war doch nun wirklich nicht seine Schuld, beteuerte er. 40 qm Deutschland mussten ja damals eigentlich auch reichen für ein Fremdenzimmer. "Menschenwürdiges Wohnen" oder Belegungsbindung, sollten diese Prinzipien langfristig unvereinbar bleiben?

An der denkwürdigen Geschichte des Sportpalastes wird es jedenfalls nicht gelegen haben, obgleich diese natürlich oft als geschichtliche Hypothek in Anspruch genommen werden muss. Lassen sich doch die vielen Ereignisse, die dieser Ort erlebt hat, in einen sonderbaren Reigen falten. So zum Beispiel die Tatsache, dass der Sportpalast als Winter-Velodrom seinen Anfang nahm, also zunächst ein Ort mit Kunsteisbahn für Schlittschuhläufe, Rennen, und Eisrevuen (die erste hieß "Am Nordpol"). 1909 war das Gelände von der Internationalen Sportpalast- und Winter-Velodrom GmbH gekauft worden. Später dann, nach den "Wirren des Krieges", wie man es damals zu nennen pflegte, wurde der Palast Zeuge der Rückkehr Sonja Henies nach Berlin mit der "Holiday on Ice Tour". Das war die beliebte Norwegerin ("Fräulein Hoppla" oder "das Häseken"), die sich ganz reizend mit Joseph Goebbels anlässlich der Filmpremiere von One in a Million in Deutschland 1936 getroffen hatte und die sich übrigens dem Groß-Berliner Gauleiter in seiner unweit gelegenen "Höhle" in der Potsdamer Straße 97 (neue Zählung) nicht gänzlich unzugeneigt zeigte. Bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Patenkirchen hatte sie außerdem Wert darauf gelegt, mit Deutschem Gruß zu gehorchen. 

Überhaupt: die Sportpalastrede. War da nicht etwa das Rumpelstilzchen mit Doktorgrad, auf dem er bestand, der seinerzeit das deutsche Volk fragte, ob es nicht auch noch ein bißchen totaler und radikaler ginge, vielleicht noch sogar über die Vorstellungskraft überhaupt hinaus? Und–wenn nötig–ob sie ihn eigentlich, also den totalen Krieg, billigen würden? Das ging dann knappe 108 Minuten lang und wurde mit, sagen wir mal, frenetischem Wohlwollen des Publikums anerkannt. Zwischendurch wurden dann auch noch "den Säumigen Beine" gemacht, galt es doch "sie aus ihrer bequemen Ruhe" aufzurütteln. Das ist eine Schuld, die noch lange auf den Schultern der Deutschen lasten wird. Da konnten sie auch noch so leise woanders "Lieber Tommy, fliege weiter / Hier wohnen nur die Ruhrarbeiter / Fliege weiter nach Berlin / da ham'se alle Ja geschrien" singen. ("Alles, alles über Deutschland" nach Haydns Melodie sangen derweil die niederländischen Kinder den Avro Lancaster Bombengeschwadern ostwärts zum Geleit.)   

Und dann natürlich noch der Sportpalast als Ort der Veranstaltungen. Sechs-Tage-Rennen (145 Stunden im Kreis rum!), Max Schmeling Boxkämpfe, hier und da mal ein Bockbierfest, Lichtspiele, politische Veranstaltungen, und alles immer wieder unter zwielichtigen finanziellen Voraussetzungen. Nach dem Krieg ging es trotzdem fröhlich weiter, etc. pp. Wieder Sechs-Tage-Rennen mit Sarotti-Spurts, street art Werbung für Sinalco, Sparkasse, und Martini ("Ein Vergnügen mehr"). Was früher musikalisch mit "Wiener Praterleben" begleitet wurde, wechselte dann zu Konzerten von Deep Purple, Pink Floyd, Frank Zappa (lieber nur evolution oder doch revolution?). Immer daneben und nah dabei (und doch schon vorbei), stellen wir fest, steht fest und wacht treu der Hochbunker. Nichts für ungut.

Dies sind also die Referenzpunkte und Begriffsflächen mit denen sich die Künstler EVOL, Alekos Hofstetter, Robert Sokol, und Christine Weber in ihren Werken zum Thema Pallasseum auseinandersetzen. Immobilien als Leitmotiv, im Sinne der Unbeweglichkeit. Ein Wohnort, ein zuhause für so viele, real existierend, durch dessen Luftschächte die Geister eindringen und an dessen Türen Elefanten um Eintritt bitten, und an dem diese vermeintlichen Unvereinbarkeiten in Momentaufnahmen festgehalten werden, begleitet von einer schablonenartigen Wiederholbarkeit solcher architektonischen Gegebenheiten in Tateinheit mit Sachbeschädigung. Fremd, allerdings, ist der Fremde nur in der Fremde, erklärte einst Karl Valentin. (Antwort: Das ist nicht unrichtig.)

Die Werke im Kosmos Pallasseum nähern sich den Widersprüchen, die sich aus der Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit und der unausweichlichen Bürde von Mietpreisbindung und Eigentumsansprüchen ergeben, auf unterschiedlichen Wegen. Bist du schon Mietbelastung oder wohnst du hier noch? Anders gesagt: Pflicht oder Schuld? Davon legen manche Graffiti-Tags am Pallasseum Rechenschaft ab. 3 Brother's. Riser. 30 Kingz. Unser Gebiet. Frei nach Heidegger: Dasein in der Zeitlichkeit. Deswegen sollten die DAZN und DAZT Tags auch noch dazugehören. Wem, außer den jetzigen Anwärtern, sind wir noch Rechenschaft schuldig? Nur uns? Ja, denn wir brauchen Wohnraum und melden Eigenbedarf, auch wenn der ganze Sand der Welt langsam aber sicher im Bau verschwindet. Dann braucht uns auch das Spritzbesteck im Sandkasten nicht mehr zu stören. "Macht euch die Erde untertan" und so. Das ist die "Zauberstufe der Verdichtung".

Wollen wir uns danach richten? Merke: "Satellitenschüsseln sind in Deutschland Richtung Süden ausgerichtet, wobei der zu berechnende Azimut-Winkel innerhalb von 162° und 175° einzustellen ist. Für Berlin bei einem Längengrad von etwa 13,41° Ost ergibt sich hiermit ein Winkel von 172,7 Grad. Der Neigungswinkel liegt bei etwa 32 Grad." Somit schauen wir alle in die gleiche Richtung. Währenddessen werden zukünftige Eigentumsverhältnisse und Liegenschaften in nicht austauschbaren Wertmarken festgehalten (eine Gruftwährung, für immer in der Klotzkette verschlüsselt) und neue Lebensräume im Metaversum erschlossen. Blöderweise versuchen wir dabei immer noch, Austin oder Portland oder Spokane oder eben Schöneberg weird zu halten, damit unser eigenes Palladium einzigartig eigenartig bleibt. Und dennoch geht es ab jetzt nur noch um Nachverdichtung. Heißen wir also unsere neuen Mitwohnenden willkommen und nehmen wir auch diese Last noch als Hypothek auf unsere Kappe. Eigentümerin der Anlage ist übrigens die Pallasseum Wohnbauten KG, deren Hauptanteilseignerin seit 2018 die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag ist. Damit sind wir im Gewobag-Paradies angekommen. Auch noch unter Denkmalschutz. Jetzt brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Jedenfalls langfristig.