Sichtbarkeiten

Ein Gespräch über das Pallasseum zwischen HG Merz und Pablo v. Frankenberg
23. März 2022

PvF: Das Pallasseum ist ein hochverdichteter, denkmalgeschützter Wohnblock in Berlin-Schöneberg, der nach den Plänen Jürgen Sawades zwischen 1974 und 1977 erbaut wurde. Sawade sagte gegen Ende seines Lebens in einem Interview: „Puristisch, einfach, klar. Weniger ist nicht nur mehr, weniger ist besser, weniger ist ein Muss. Das spricht sich so einfach aus, aber dahinter steckt der unbedingte Wille zur Reduktion auf das Wesentliche, die innere Struktur zu finden und die reine Form. Wenn Sie diese drei Dinge beherzigen, sind Sie nicht nur ein sehr guter Architekt, sondern auch ein moderner Architekt. Dann fällt alles an Mode weg.“ Für mich klingt das wie aus einer anderen Zeit. Als Resümee des eigenen Werks ist es recht kompromisslos.

HGM: Dieses Motto geht natürlich auf Mies zurück. Sawade hat seine Architektur aber auch an Oswald Mathias Ungers ausgerichtet. Ungers hatte die Idee gehabt, die Stadt bestehe aus insularen Großkörpern. Das hat Sawade in seinen Bauten auch versucht. Das Pallasseum sortiert sich in den Stadtgrundriss ein, geht aber gleichzeitig auch mit dem Riegel über die Straße dagegen vor. Sawades Bauten stehen sehr eigenständig in der Stadt. Das Hotel Esplanade, seine Gebäude an der Lewishamstraße und am Kaiserdamm sind Solitäre, die trotzdem eingebunden sind. Insgesamt hatte Berlin zu Zeiten West-Berlins eine sehr eigene Architekturszene, die anders war, als die in Westdeutschland. Die war viel eigenständiger! Fehling+Gogel, Ludwig Leo, Bangert Jansen Scholz Schultes, Düttmann, Schüler Witte – bei diesen Architekten hatte man das Gefühl, dass sie ihre Ideen konsequenter umsetzen konnten. Die Ethik dieser Architekten war sehr eigen. Man hat versucht, das Beste zu machen und es extrem zu reduzieren, um sich bloß nicht nach dem Zeitgeschmack zu orientieren. Das sieht man gerade auch beim Pallasseum. Die Wohnungen im Pallasseum sind alle hervorragend, gut geschnitten, tolle Aussicht, sehr hell, vernünftige Bäder und Küchen. Mich hat dieses Gebäude von Anfang an fasziniert. Ich wusste erst nicht, dass es von Sawade ist. Ich fand toll, dass es über diesen Bunker gebaut ist und diese Breitseite zur Stadt zeigt. Ein grossartiges Monstrum, mitten in der Stadt und frech über eine Straße gelegt, das ist eindrücklich.

PvF: Fast jeder in Berlin kennt das Pallasseum, aber nur wenige würden es in diesen hohen Tönen loben. Zwölf Geschosse im Brückenbau, sechs Geschosse in den Querriegeln, über 500 Wohneinheiten und mehr als 2.000 BewohnerInnen, also im Schnitt 4 Personen pro Wohnung. Warum ist die Wahrnehmung des Gebäudes so negativ? Warum fällt es so schwer, von einem solchen Gebäude solch ein Fan zu sein, wie Du es bist?

HGM: Das hat mit den Wohnungen selbst nichts zu tun. Die extreme Dichte führt dazu, dass man nicht alle Nachbarn kennt. Man überblickt das kaum. Es wird anonym, wenn 2.000 Menschen im gleichen Gebäude wohnen. Drogen, Diebstahl und Raub sind derzeit nicht mehr das beherrschende Thema im Pallasseum. Häusliche Gewalt wohl schon. Das liegt nicht an der sozialen Schicht. Auch in Villengegenden gibt es häusliche Gewalt. Aber dort fällt das nicht auf. Das Pallasseum wird weiterhin als sozialer Brennpunkt gesehen und damit ist auch die Architektur nicht wohlgelitten.

PvF: Typische Kontrollinstanzen wie Kindergärten, Schulen, Jugendzentren usw. mussten während Corona zum Teil schließen, weshalb häusliche Gewalt und Kindesmissbrauch, eh Delikte mit hohem Dunkelfeld, noch weniger zur Anzeige kamen. Die Jugendzentren Potse und Drugstore genau gegenüber vom Pallasseum wurden rausgeklagt. Das war ein Anlaufpunkt für die Kinder und Jugendlichen unmittelbar vor Ort. Die konnten sich dort anders entfalten als in kleinen Wohnungen, aus denen es gerade in der Pandemie kein Entkommen gab. Wir sind mitten in der Stadt. Wo sollen die sich austoben, wenn es immer weniger Möglichkeiten dafür gibt? Wie kann die Planung von Architektur dazu beitragen, auch den schwächsten sozialen Gruppen gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten zu geben?

HGM: Man muss sich als ArchitektIn immer fragen: was bringt Architektur in Gang? Sie produziert Zugehörigkeit. Das Pallasseum ist eine kleine Stadt, deine kleine Stadt, wenn du als BewohnerIn da lebst. Man muss versuchen, in dieser Dichte mit den anderen BewohnerInnen klarzukommen. Wenn man in diese Wohnungen schaut, sieht man, dass jede individuell eingerichtet ist, jede und jeder hat sich da ihre und seine kleine Insel geschaffen. Die Architektur des Pallasseum gibt zwar einen Standard vor, der für alle gleich ist, aber jeder macht daraus, was er will. Jede Wohnung in diesem „Monstrum“ ist mit sehr viel Liebe zu einer Heimat gemacht worden. Gute Architektur ermöglicht das.

PvF: Aber genau das, die Nutzung von Architektur, wird weder in der Architekturforschung noch in der Architekturausbildung groß beachtet. Als ArchitektIn lernt man davon wenig. An den meisten Universitäten und Fachhochschulen sieht der Ausbildungsplan das nicht vor. Funktionen werden unterrichtet, aber Nutzungen, Nutzungsarten, Nutzungsgeschichten, gesellschaftliche Transformationsprozesse spielen keine Rolle. Was sind die Voraussetzungen dafür, dass ich als ArchitektIn die Familienmodelle, Wohnvorlieben, Migrationsbewegungen, sozialen Schichtungen usw. der nächsten Generationen vorweg denken kann?

HGM: Man kann nicht alles auf die ArchitektInnen und ihre Ausbildung schieben. Auch die politischen und administrativen Rahmenbedingungen haben ausschlaggebende Effekte auf die Möglichkeiten der Architektur. Der soziale Wohnungsbau schreibt vor, welches Zimmer wie viel Quadratmeter zu haben hat. Da ist oft wenig Spielraum, auch in der finanziellen Ausstattung. Was die Grundrisse im sozialen Wohnungsbau – auch im Pallasseum – gerade nicht auszeichnet, ist eine gewisse Flexibilität, die auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse reagieren könnte. Es gibt im Pallasseum aber größere und kleinere Wohnungen. Wenn es ein gutes Management gibt, kann man zum Beispiel die Wohnungen tauschen. Eine junge Familie braucht ein Zimmer mehr, ein altes Ehepaar vielleicht ein Zimmer weniger. Bei einer Großform wie dem Pallasseum hat man da ganz andere Möglichkeiten, flexible Modelle zu schaffen. Die andere Möglichkeit wäre, die Wohnung als solche nach den eigenen Bedürfnissen ändern zu können. Es gibt immer mehr Beispiele, wo man Größen von Räumen verändern kann, indem man eine Wand zu- oder aufmacht. Bestimmte Installationen, Küche und Bad, sind als Kerne fest drin, aber den Rest kann man frei bespielen.

PvF: Die Stadt hat mehrmals darüber nachgedacht, das Pallasseum abzureißen. Woher kam diese Kehrtwende, den Komplex stattdessen 2017 unter Denkmalschutz zu stellen? Wäre das auch vorstellbar gewesen, wäre der Ort ohne das erfolgreiche Quartiersmanagement weiterhin ein Ort der Verwahrlosung und der hohen Kriminalitätsraten gewesen?

HGM: Die Architektur, die zeitlich zu nah auf uns drauf ist, wird nie besonders geliebt. Der Denkmalschutz ist oft dafür da, zu verhindern, dass etwas verschwindet, von dem man denkt, dass es ein Beitrag zur Architektur und zur Stadtgeschichte ist. Manchmal muss man einfach noch einmal 20 Jahre warten. Plötzlich fand man Bauhaus toll. Das hätte man davor am liebsten alles abgerissen. Erich Mendelsohns Kaufhaus Schocken in Stuttgart etwa wurde 1960 zerstört, obwohl es eine Ikone der Moderne war. Übrigens geht es auf Sawades Initiative zurück, dass Mendelsohns Berliner Schaubühne erhalten blieb. Wenn das Pallasseum weg wäre, würde man es irgendwann vermissen, weil es zur eigenen Geschichte und zur Geschichte der Stadt gehört. Oft gibt es erst kurz vor dem Abriss Proteste, wie beim Mäusebunker. Die Aufmerksamkeit ruft den Denkmalschutz auf den Plan. Hätte es beim ICC keine solche Debatte gegeben, wäre es schon längst abgerissen. Das ist zwar genauso asbestverseucht wie der Palast der Republik. Aber weil dieser durch die DDR konnotiert ist, hatte auf einmal der Denkmalschutz auch nichts mehr zu sagen. Beim Pallasseum stellt sich das noch einmal ganz anders dar: man hat Schwierigkeiten damit, es als Denkmal anzuerkennen, weil es immer noch als sozialer Brennpunkt wahrgenommen wird. Der Denkmalschutz hat die Qualität der Architektur hervorgehoben, die in ihrer Einzigartigkeit einen wesentlichen Beitrag zur Baukultur leistet.

PvF: An gleicher Stelle stand zuvor der Berliner Sportpalast, lange Zeit die größte Veranstaltungshalle Berlins. Hier hielt Joseph Goebbels 1943 die Rede, in der er zum „Totalen Krieg“ aufrief. Nach dem Krieg wurde der zerstörte Sportpalast, in dessen Ruinen nach dem Krieg weiterhin Veranstaltungen stattfanden, wieder aufgebaut und 1973 dann endgültig abgerissen. Der sichtbarste Teil aus dieser Geschichte ist der nicht sprengbare Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Ist das ein typisch deutscher Ort: Sport, dann Nazis, dann sozialer Wohnungsbau einer Gesellschaft, die sich partout nicht als Einwanderungsgesellschaft verstehen will?

HGM: Das ist einfach Berlin. Diese Stadt, die nie wird. Jede Ecke ist hier extrem geschichtsträchtig. Hier sammelt sich Deutschland vom Kaiserreich über die Nazizeit bis heute. Und beim Pallasseum trifft sehr viel von dieser hochkonzentrierten Berliner Geschichte aufeinander. Der Ort des Pallasseum war immer mitten drin. Um die Ecke war der NS-Volksgerichtshof, an dem Roland Freisler Präsident war, der als Teilnehmer der Wannseekonferenz den Holocaust mit organisiert hat. Schöneberg war ein Brennpunkt in den 80ern und 90ern. Um die Ecke hat David Bowie gewohnt. Hier hat sich alles und jeder aus der Welt gesammelt und dieses absolut liberale Berlin genossen. Jetzt kommen die ganzen Galerien und Modeläden von der Potsdamer Straße immer weiter Richtung Pallasseum. Berlin besteht ganz viel auch aus „Spontanvegetation“, die man entweder als Unkraut versteht und am liebsten sprengen möchte, oder als den Humus für Neues.

PvF: Es gibt also so viel Geschichte dort, dass die Geschichte gar nicht mehr gesehen wird. Es gibt zwar irgendwo eine Plakette, dass hier mal der Sportpalast stand. Auch der Bunker wird als Geschichtsort gesehen, aber letztlich geht das unter. Diese Geschichtlichkeit hat eine Ähnlichkeit mit der Architektur des eigenen Alltags: sie ist so selbstverständlich, dass man sie kaum mehr wahrnimmt. Oft geht die gebaute Umwelt in der Wahrnehmung unter, weil sie ja immer da ist. Wie ich sie benutze, welche Möglichkeiten eine Wohnung mir gibt und welche mir genommen werden, wird von den meisten Menschen nicht beachtet. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ort und seinen BewohnerInnen durch das Projekt KOSMOS PALLASSEUM ist vielleicht eine Möglichkeit, jenseits bestehender Diskurse und Konzepte einen anderen Abstand zum Alltäglichen zu gewinnen. Wenn ich meine Lebenswelt anders interpretiert sehe, als ich es gewohnt bin, regt es mich zum Nachdenken an. Kunst tut ja nichts anderes, als unsere Welt in vieldeutiger Weise zu interpretieren. Wenn ich mit den Mitteln der Kunst auf die Architektur blicke, schaffe ich ein Bewusstsein für die spezifische Vieldeutigkeit von Architektur. Die Fotografien von den BewohnerInnen des Pallasseum lassen hinter die Fassaden blicken. Die gemalten und gezeichneten Annäherungen heben Details hervor und bieten andere Kontexte an. Die Street Art feiert das Serielle und kritisiert gleichzeitig urbane Uniformitäten. Bleibt das l’art pour l’art oder kann sich daraus tatsächlich ein Diskurs, Reaktionen, Veränderungen entspinnen?

HGM: Man darf das Pallasseum nicht einfach als Ikone nehmen. Es geht hier weder allein um die Architektur, noch allein um die Bewohner, sondern um beides zusammen. Diese Interaktion zwischen dem städtebaulichen Ansatz, der Architektur selber und den sehr unterschiedlichen BewohnerInnen muss rüberkommen. Es war mal ein sozialer Brennpunkt. Jetzt ist es keiner mehr. Aber es hat noch den gleichen Nimbus. Es ist schwer zu vermitteln, dass sich hier etwas verändert hat. Das ist ein best-practice Beispiel, wenn man so will. Es gab mal einen guten architektonischen Gedanken, der ist in der Gier des Investors und dem Missmanagement der Verwaltung untergegangen. Das kann man aber wieder hochbringen. Ganz wichtig ist, dass der Eigentümer zeigt, dass er sich darum kümmert, dass das etwas Tolles und Lebenswertes ist. Dann kümmern sich die Bewohner plötzlich auch. Dann wächst eine Gemeinschaft anders zusammen und sortiert die neu Hinzugekommenen viel selbstverständlicher ein. Das ist ein langer Prozess, der politisch nicht einfach durchzusetzen ist, weil die nächste Wahl ansteht und sich das Ergebnis erst später zeigt. Ich hoffe, dass man nach dem Projekt KOSMOS PALLASSEUM dieses Gebäude und seine Umwelt anders wahrnimmt. Die künstlerischen Positionen sollten Anlass dazu geben, das gesamte Gefüge zwischen Architektur, Stadt und BewohnerInnen anders zu betrachten. Schön wäre, wenn danach der Blick auf das Pallasseum nicht nur Ablehnung, sondern Interesse hervorruft. Dass einem die Besonderheit des Ortes klar wird, diese konzentrierte Melange einer Stadtgesellschaft. Wir können am Pallasseum sehr viel lernen, über Verdichtung, über die Bildung von Gesellschaft, über zukünftiges Bauen. Diesen Blick zu schärfen, dabei könnte KOSMOS PALLASSEUM helfen.