RAINER BELLENBAUM

Verdichtung. Ohne Berührung


Wie eine weite Brücke ragt die Hochhausscheibe über der Pallasstraße und über dem am Straßenrand stehenden Hochbunker. So innig wie auch diskret hält das Wohngebäude Abstand zu beiden. Der Bunker ist eng und passgenau überbaut, ohne dass er vom Wohnhaus berührt würde. Auf der anderen Straßenseite hat die Fahrbahn, die trotz der damaligen Ausbauwünsche einer ‚autogerechten Stadt‘ zweispurig geblieben ist, einen weiten, platzartigen Bürgersteig gelassen. Die über der Straße liegenden Wohnetagen sind durch ein Luftgeschoss gegen den Verkehrslärm gedämmt. Nicht nur ist das Bauwerk in dieser innerstädtischen Lage wegen seiner kollossalen Ausmaße mit insgesamt 514 Wohnungen beeindruckend; emblematisch ist es überdies wegen seines subtilen Vexierspiels zwischen gesellschaftlichen Näheverhältnissen und Disparatheiten.

„Wohnen am Kleistpark“ – diese ursprüngliche, auf grünes Idyll gemünzte Bezeichnung für die Anlage nahm indes symbolisch Abstand zum Verkehrslärm wie auch zum Militärbau. Eigentlich auch zum Großteil des gesamten Gebäudekomplexes, zu dem neben der Hochhausscheibe noch zwei große Hofbebauungen auf der Nordseite gehören, an deren Stelle früher der berühmte Sportpalast (1) gestanden hatte. Vom Kleistpark ist dieser Bereich ziemlich abgelegen. Zwar sollte es gemäß früheren Überlegungen eine Fußgängerverbindung (2) geben. Sie hätte von der nördlichen Winterfeldstraße bis zum südlich gelegenen Park geführt, über diverse Höfe, über das Luftgeschoss, über die Pallasstraße, entlang der Erschließungswege zu den Wohnetagen, weiter über Rampen am Bunker vorbei. Doch das letzte Etappenstück über den Schulhof der benachbarten Sophie-Scholl-Schule, worauf auch der Bunker steht, wurde für die schulfremde Öffentlichkeit nicht freigegeben.
 
Ohnehin war die Brückenfunktion nicht der wesentliche Aspekt für die Überbauung von Straße und Bunker. Der tiefere Grund dafür bestand vielmehr darin, so Architekt Dieter Frowein (3), mehr Wohnungen unterbringen zu können und das dazu über einer öffentlichen (Straßen-)Fläche, die nicht berührt wurde und die deshalb als Grundstück auch nicht mehr bezahlt werden musste. (4)  Ohne die somit vom Bodenpreis teilentbundene Konstruktion wäre die Masse an Sozialwohnungen in dieser innerstädtischen Lage kaum finanzierbar gewesen.

Dabei war das Finanzierungsmodell des Sozialen Wohnungsbaus den privaten Geldgebern schon mächtig entgegengekommen. Aufgrund des gemeinnützigen Zwecks konnten sie ihre Investitionen großzügig von der Steuer absetzen, womit der Hausbau weitgehend von der öffentlichen Hand bezahlt wurde. Mit in Kauf genommen wurde insofern allerdings, dass für die neuen Wohnungen hauptsächlich Mieter in Frage kamen, die niedrige Einkommen hatten und darum nicht selten in prekäre Lagen gerieten. Letzteres war sicher auch ausschlaggebend dafür, dass nicht alle ein Auto besaßen und dass manche Stellplätze in den Parketagen ungenutzt blieben.

Ob die prekären Lagen indes ein wesentlicher Grund dafür waren, dass mehr vom Straßenleben ins Gebäude drang, als ein „Wohnen am Kleistpark“ hätte vermuten lassen, das muss offenbleiben. Tatsache ist, dass seit Mitte der 1990er Jahre die Eingänge und Flurtüren des Gebäudes strenger geschlossen oder kameraüberwacht wurden, dass Graffitis und Straßenkunst hausordnungsgemäß übermalt wurden und dass der Treppenzugang zum Luftgeschoss auf der Seite des Bunkers abgerissen wurde. Damit war selbst eine einfache Straßenüberquerung über die „Brücke“ passé.

Die Situation dort sei nicht mehr zu kontrollieren gewesen, so Peter Pulm vom ehemaligen Quartiersmanagement Schöneberger Norden. (5) Und manche TV-Reportage von damals fokussiert genüsslich und so aufdringlich wie weitwinklig auf unaufgeräumte Wohnungen, auf desolate Zimmerdecken, eingetretene Glastüren oder auf wilde Müllentsorgungen inklusive der in tote Winkel weggeworfenen Drogenbestecke. Das riesige Wohngebäude, das mit seinen an die 2000 Bewohner*innen viel Gelegenheit zur Anonymität bietet, hatte sich so sehr zum Brennpunkt sozialer Schieflagen entwickelt, dass ihm nicht nur der Spottname „Sozialpalast“ zukam, sondern dass mehrere Stadtpolitiker zwischenzeitlich seinen vollständigen Abriss forderten. Leichtfertig machten sie den Massenwohnungsbau für die Symptome von gesellschaftlicher Spaltung und Entfremdung verantwortlich. Egal war ihnen dabei, dass die Wohnungen hier mit ihren klug erschlossenen Balkonen, Loggias und Terrassen eine Grundrissqualität aufwiesen, die der üblichen Berliner Mietwohnung nicht nur im buchstäblichen Sinn haushoch überlegen ist.

Peter Pulm weiß um die lange Liste von Aktionen und Maßnahmen, die mit der Einführung eines Präventionsrats und des Schöneberger Quartiersmanagements ab Ende der 1990er Jahre auch das soziale Zusammenleben in der „Wohnmaschine“ langsam verbesserten. Die Schließung von Zwischentüren im Gebäude und die zeitweilige Beauftragung einer Sicherheitsfirma habe ebenso dazugehört wie die regelmäßige Anhörung und Moderation unterschiedlicher Mieterinteressen oder die Umbenennung des Gebäudes durch den unverfänglicheren Namen „Pallasseum“. Nachbarschaftliche Annäherungen seien durch die Gründung des Mietercafés „Kaffeeklatsch“ gefördert worden. Desweiteren durch einen Schönheitswettbewerb für Balkone oder durch ein kunsttherapeutisches Fotoprojekt, das zahlreiche Mieter*innen dazu angeregt hatte, ihre am Balkon installierte Satellitenschüssel mit einem individuellen Bildmotiv zu dekorieren. (6) So konnten die Mitmachenden eine persönliche Botschaft, entgegen der TV-Signale, an den unten durchziehenden Straßenverkehr senden.
 
Nachhaltigeren Zuspruch findet die in den 2000er Jahren begonnene Umnutzung des Parkplatzes in der Pallasstraße zwischen dem Hochbau und der diesem gegenüberliegenden Brandmauer des nächsten Altbaus. Diese schmale Freifläche entwickelt sich seitdem zu einer Mischung aus Gemeinschaftspark, Kinderspielplatz und individuellen Mietergärten. Engagierte Bewohner*innen können hier eine eigene Parzelle bewirtschaften und damit gemäß ihrer kulinarischen Traditionen Kräuter und Gemüsesorten anpflanzen. Als Angebote für die Gemeinschaft gibt es regelmäßige Workshops zur Kompostbildung. Von den darüberliegenden Balkonen und Loggias mögen Eltern ihre Kinder beaufsichtigen. Und mit wenigen Eingriffen wäre die Freifläche um einen Durchgang bis zur Winterfeldstraße zu bereichern. Belebt durch unterschiedliche Generationen, durch Mieter*innen, Anlieger*innen und womöglich sogar flanierende Passant*innen böte sich hier eine vielversprechende Option, die Distanzmarken des zwischen Nachbarschaft und Gesellschaftsspaltung verdichteten Wohnweltenraums zu entschärfen, auch im Sinne des gegenseitigen Respekts.
 
Szenenwechsel zur gegenüberliegenden Straßenseite: Im Juni 1994 adressierte Maria Derewjanko aus dem ukrainischen Lviv (Lemberg) einen Brief an die „Schulleitung der Augustaschule Berlin. Das Haus ist gleich um die Ecke Palas Straße [sic] und Ishold Straße [sic]. Deutsche Bundesrepublik.“ (7) Gorbatschows Glasnost hatte es Frau Derewjanko ermöglicht, einen Brief nach West-Berlin zu schicken, dorthin, wo sie von 1943 bis 1945 als Mädchen in dem als Lager für Zwangsarbeiter*innen entwendeten Schulgebäude interniert war. Die Schule, die bereits unmittelbar nach dem Krieg in Gedenken an die Widerstandskämpferin Sophie Scholl umbenannt worden war, besorgte die notwendigen Einladungen, so dass Maria Derewjanko im Oktober 1994 mit eigenen Augen auf den Ort ihrer früheren Internierung zurückblicken konnte. Aus Mariupol kamen ähnliche Briefe und Besuche. Als 1996 Marias Bruder Wassilij mitkam und er vor „seinem“, von ihm miterbauten Bunker stand, überwältigten ihn die Gefühle, was auf alle anderen Anwesenden übersprang. So berichtet es Bodo Förster, der als Lehrer der Sophie-Scholl-Schule die Geschichte des Bunkers leidenschaftlich erforscht und in zahlreichen Unterrichtsprojekten vergegenwärtigt hat. (8)  

Nicht nur bei den Schülern und Schülerinnen führte die Begegnung mit den ehemals Internierten zur Erinnerungsarbeit in Form von Ausstellungen oder Installationen. Auch für die Lehrer*innen ergaben sich durch den Austausch mit den Besucher*innen aus der Ukraine (9) neue Fragestellungen. So wäre künftig zu erforschen, wie Förster in seiner 2008 erschienen Schul-Chronik schreibt, warum die bis zum April 1945 dort internierten Zwangsarbeiter*innen die damaligen Schülerinnen ebensowenig bemerkt hatten, wie umgekehrt diese die Internierten wahrnahmen. (10)

Den quaderförmigen Bunker mit seinen über drei Meter dicken Betonwänden hatten die aus Osteuropa deportierten Zwangsarbeiter*innen im Krieg bauen müssen, weil darin die Deutsche Reichspost die Technik ihres in der Winterfeldstraße gelegenen Fernmeldeamtes vor Bomben schützen wollte. Fertig wurden die Bauarbeiten bis Kriegsende allerdings nicht. Dennoch scheiterten die nach 1945 unternommenen Versuche, den unvollendeten Klotz wieder abzureißen. Größere Sprengungen hätten auch andere noch stehende Gebäude damals gefährdet; kleinere Detonationen brachten die inneren Decken und Wände des Bunkers nur zum Teileinsturz. Mit der Verschärfung des Kalten Kriegs in den 1960er Jahren, überwog bei Alliierten und den Abgeordneten West-Berlins die Meinung, militärisch auf das Gebäude weiterhin angewiesen zu sein. Schließlich setzten die Alliierten, gegen den Widerstand von Seiten mehrerer Schöneberger Bezirksverordneter, die Renovierung des Bunkers durch, auch zum Schutz gegen eventuelle ABC-Waffen-Angriffe. Entsprechende Sanierungsarbeiten fanden zwischen 1986 bis 1989 statt, abermals ohne Fertigstellung. Jedenfalls ist das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude aufgrund mangelhafter Belüftung und innerer Erosionen heute nur in Ausnahmefällen zugänglich. Eine Umnutzung etwa als Veranstaltungsort würde weitere kostspielige Sanierungen erfordern.

Einblicke in das Innere des Bunkers für eine größere Öffentlichkeit gewährte zuletzt Wim Wenders‘ 1987 erschienener Film Der Himmel über Berlin, mit Aufnahmen, die unmittelbar vor der Renovierung entstanden, überwiegend schwarzweiß, in elegisch komponierter Fotografie. Zu sehen sind die noch großen Einsturzlöcher der Zwischendecken mit dramatisch heraushängenden Moniereisen; Schauspieler üben daran Scheingefechte und ihre Vorstellungen von Kriegsverzweiflung, prügeln sich am Rand der Löcher oder probieren Hüte auf. Denn der Bunker fungiert hier als Drehort für einen Film im Film. Wo in letzterem Bruno Ganz den Engel Damian darstellt, den es aus himmlischer Höhe hinab zu irdischer Berührung zieht, spielt im ersteren Peter Falk (11) einen Detektiv, der, nach Kriegsende in Amerika angeheuert wurde, um in Berlin nach überlebenden Angehörigen zu suchen. Vor dem Bunker geben sich beide Protagonisten durch ein Absperrgitter hindurch die Hand. Was für Damian die neue Erfahrung körperlicher Berührung bedeutet, ist für den Filmstar aus Los Angeles längst Gewohnheit, obgleich auch er behauptet, ein Engel zu sein.

Der Architekt Jürgen Sawade besuchte Amerika zum ersten Mal 1972, zwei Jahre vor seinen Planungen für Schöneberg. 1976, noch während der Bauzeit dort, war er Visiting Professor an der UCLA in Kalifornien. Die Dimensionen und der metropolitane Charakter der von ihm besuchten US-Städte Los Angeles, San Francisco, New York, Chicago hinterließen einen prägenden Eindruck auf Sawade. (12) Für ihn war klar, dass Berlin von solcher Großstadtarchitektur sich etwas abzuschneiden hatte: Rationalität, auch in Richtung Himmel. Immerhin war die seit dem 19. Jahrhundert in Berlin gehegte Traufhöhe von etwa 22 Metern in der Nähe des Schöneberger Bauplatzes schon mehrfach überschritten worden. So etwa vom oben erwähnten Fernmeldeamt (Entwurf: Otto Spalding, Kurt Kuhlow, 1923-1929) – Funkverkehr brauchte einfach eine gewisse Höhe – wie auch vom sich daran messenden Verwaltungsgebäude für Kathreiners Malzkaffee-Fabriken (Entwurf: Bruno Paul, Bauzeit 1928-1930) in der Potsdamer Straße. Mit der raffinierten Bezugnahme auf diese Gebäude überwand auch Sawades (et al.) Entwurf die Bedenken alter Traufhöhenverteidiger. Indem das Scheibenhochhaus die Vertikalen jener neusachlichen Funktionsbauten aufnimmt, während die nördliche Hofbebauung an den Höhenmaßen von Gründerzeitblöcken festhält, rekonfigurierte die Neubauanlage die sich verändernden Raumkoordinaten gleichfalls für das moderne Wohnen.

Die Perspektiven zu variieren ist für das Leben einer Stadt konstitutiv. Nicht jeder und jede wohnt dabei in einer oberen Etage, von der aus, bis zum weiten Horizont sichtbar, ein dichtes Gefüge von Bauwerken, Plätzen, Straßen und Verkehr bei ständig wechselndem Licht und Wetter erscheint. Doch neues im alltaglichen Wohnumfeld zu entdecken, zwischen weit und nah, zwischen oben und unten oder innen und außen, das wäre vielen zu gönnen. Zu wünschen wäre für eine größere Anzahl von Anlieger*innen des Pallasseum die Aufenthaltsmöglichkeit auf verschiedenen Plateaus des Gebäudes, entsprechend jener Entwürfe, die die Erschließung einzelner Dächer, auch desjenigen des Bunkers, zur gemeinschaftlichen Nutzung vorsahen. Wünschenswert wäre überdies mehr Durchlässigkeit, entsprechend des ursprünglichen Plans, für Passanten eine Querverbindung zwischen Winterfeldstraße und Kleistpark zu beleben, und sei dies auf bestimmte Zeiten täglich begrenzt. Denn das Begehren nach neuen Raumeindrücken stillen nicht allein die Bilder, weder Engelsträume noch Überwachungskameras. Raumerlebnis entsteht insbesondere durch Architektur, für deren Umsetzung Sawade und seine Partner eigentlich gute Ideen hatten, die noch nicht alle umgesetzt sind.


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(1) Von dem bis zu 14000 Besucher*innen fassenden Sportpalast hatte Joseph Goebbels seine Frage an die Deutschen hinausgerufen, ob diese den totalen Krieg wollten.

(2) Siehe Wolfgang Schäche (Hrsg.), „Jürgen Sawade, Bauten und Projekte 1970-1995, Berlin, 1997, S. 37.

(3) Dieter Frowein hatte als Büropartner vom Jürgen Sawade und zusammen mit Dietmar Grötzebach und Günter Plessow am damaligen Entwurf mitgearbeitet.

(4) Dieter Frowein im Interview mit dem Autor am 4.4.2022.

(5) Das Quartiersmanagement Schöneberger Norden bestand 20 Jahre lang, von 1999 bis 2020, getragen vom Berliner Senat für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen.

(6) 2010 initiierte der Künstler und Kunsttherapeut Daniel Knipping das Projekt „Von Innen nach Außen“.

(7) zitiert nach: Bodo Förster, Die Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin Schöneberg. 175 Jahre Schulgeschichte, Berlin, 2008, S. 74

(8) ebenda, S. 75

(9) Zum Zeitpunkt, da der vorliegende Text entsteht, kommen sehr viele Menschen aus der Ukraine nach Berlin, auf der Flucht vor dem russischen Überfallkrieg auf ihr Land.

(10) ebenda, S. 82

(11) Peter Falk war damals weithin bekannt für seiner Darstellung der Titelfigur in der TV-Serie Columbo. Außerdem für seine Mitwirkung in mehreren Filmen von John Cassavetes.

(12) Siehe Wolfgang Schäche (Hrsg.), „Jürgen Sawade, Bauten und Projekte 1970-1995, Berlin, 1997, S. 20